Dunkel gehaltene, abstrakte Illustration mit Symbolen wie Spirale, Linie und Sichel, die die funktionelle Verbindung zwischen Halswirbelsäule und Kiefer symbolisieren. Sanfte Gold- und Blautöne sowie texturierte Flächen erzeugen eine ruhige, therapeutische Stimmung.

Gezieltes Nackentraining bei chronischen Kieferschmerzen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: CMD – Wenn der Kiefer chronisch stresst

Abstrakte Grafik zur Verbindung zwischen Nacken und Kiefer. Die Darstellung symbolisiert gezieltes Nackentraining bei chronischen Kieferschmerzen durch weiche Formen und Bewegungsfluss.

Zähne zusammenbeißen – das machen viele im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. Doch was passiert, wenn sich das zur Dauerbelastung entwickelt? Temporomandibuläre Dysfunktionen (TMD), im deutschsprachigen Raum meist als craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) bezeichnet, betreffen Millionen Menschen weltweit – allen voran Frauen zwischen 18 und 45 Jahren. Schmerzen im Kiefergelenk, knackende oder eingeschränkte Bewegungen, Spannungen im Gesicht und häufig auch Kopfschmerzen gehören zu den typischen Symptomen. Was viele dabei nicht wissen: Die Beschwerden sind oft eng mit der Halswirbelsäule verknüpft.

Laut aktueller Forschung ist CMD mehr als ein lokales Kieferproblem – sie ist Teil eines komplexen funktionellen Systems, in dem der Nacken eine zentrale Rolle spielt. Wenn klassische Therapien wie Aufbissschienen, Schmerzmittel oder manuelle Techniken nicht den gewünschten Effekt bringen, lohnt sich ein Perspektivwechsel: Bewegung statt Behandlung.

Eine neue klinische Studie hat genau das untersucht – und liefert überraschende, aber hochinteressante Ergebnisse, die die Praxis der Physiotherapie verändern könnten.

Der unterschätzte Zusammenhang zwischen Nacken und Kiefer

Abstrakte Visualisierung des funktionellen Zusammenhangs zwischen Nackenmuskulatur und Kieferregion. Symbolische Darstellung neuronaler Verbindungen und Bewegungsflüsse im Kopf-Hals-Bereich.

Auf den ersten Blick liegen Kiefergelenk und Halswirbelsäule in zwei verschiedenen Zuständigkeitsbereichen – das eine für das Kauen, das andere für Haltung und Bewegung des Kopfes. Doch funktionell sind sie enger miteinander verbunden, als viele vermuten. Der Schlüssel liegt in der neurologischen Verschaltung des trigeminocervikalen Systems.

Dieses Netzwerk verbindet die oberen Halsnerven (C1–C3) mit dem Trigeminusnerv – dem sensiblen Hauptnerv für das Gesicht. Das bedeutet konkret: Schmerzreize aus dem Nacken können im Gesicht wahrgenommen werden – und umgekehrt. Kein Wunder also, dass Patient:innen mit CMD häufig auch über Nackenverspannungen, eingeschränkte Beweglichkeit und Kopfschmerzen klagen.

Studien zeigen:

  • CMD-Betroffene haben häufig reduzierte Kraft und Ausdauer in den tiefen Nackenmuskeln (insbesondere longus colli und longus capitis)

  • Sie zeigen auffällige Bewegungsmuster im Craniocervikalbereich – etwa beim Craniocervical Flexion Test

  • Druckschmerzschwellen in Nacken- und Kiefermuskulatur sind messbar reduziert

  • Es bestehen deutliche Überlappungen mit anderen chronischen Schmerzsyndromen – ein Hinweis auf zentrale Sensibilisierung

Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass CMD nicht isoliert, sondern im Rahmen einer übergeordneten neuromuskulären Dysfunktion betrachtet werden muss. Wer nur das Kiefergelenk behandelt, lässt den Ursprung der Symptome womöglich unangetastet.

Klinische Studie: Nackentraining als Therapieansatz bei CMD

Grafische Darstellung zur klinischen Studie über Nackentraining bei CMD. Visualisiert werden Studiengruppen, Ablauf und Zielparameter wie Schmerz, Funktion und Lebensqualität.

Ein internationales Forschungsteam aus Brasilien, Deutschland und Kanada wollte wissen: Hilft gezieltes Nackentraining bei chronischen Kieferschmerzen? Dafür haben sie eine wissenschaftliche Studie mit 54 Frauen zwischen 18 und 45 Jahren durchgeführt – alle litten seit mindestens sechs Monaten an chronischen Kieferbeschwerden, medizinisch als CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion) bekannt.

Drei Gruppen, drei Ansätze

Die Teilnehmerinnen wurden per Zufall in drei gleich große Gruppen eingeteilt:

  1. Nackentraining (NTG)
    → Hier trainierten die Teilnehmerinnen über acht Wochen gezielt ihre Halsmuskulatur.
    → Sie kamen einmal pro Woche zur Therapie und machten zusätzlich täglich einfache Übungen zu Hause.

  2. Manuelle Therapie (MTG)
    → Diese Gruppe bekam klassische Behandlungen mit Handgriffen und Dehnungen am Nacken – ohne Heimtraining.

  3. Placebo-Gruppe (PG)
    → Hier wurde ein ausgeschaltetes Ultraschallgerät als Scheinbehandlung verwendet – eine Methode, die äußerlich wie echte Therapie aussieht, aber keine Wirkung hat. Diese Gruppe bekam keine weiteren Übungen.


Was wurde untersucht?

Um herauszufinden, ob das Nackentraining wirklich hilft, wurden alle Teilnehmerinnen zu vier Zeitpunkten untersucht:

  • Vor Beginn

  • Nach 8 Wochen

  • 1 Monat nach Ende

  • 3 Monate nach Ende der Behandlung

Dabei wurden folgende Dinge gemessen:

  • Schmerzen im Kieferbereich (auf einer Skala von 0 bis 10)

  • Wie gut der Kiefer funktioniert, z. B. beim Kauen oder Öffnen

  • Die Lebensqualität bezogen auf Mund und Kiefer (z. B. Sprechen, Essen, soziale Situationen)

  • Die Beweglichkeit des Kiefers

Wichtig: Weder die Therapeut:innen noch die Patientinnen wussten, wer welche Behandlung bekam – so sollten unbewusste Einflüsse auf das Ergebnis ausgeschlossen werden.

Das Trainingsprogramm: Alltagstauglich, gezielt und wirkungsvoll

Illustration des Trainingsprogramms bei CMD. Zeigt die zwei Phasen des Nackentrainings: Aktivierung tiefer Nackenmuskeln und Kräftigung mit Eigengewicht. Alltagstauglich und strukturiert dargestellt.

Das Herzstück der Studie war ein speziell entwickeltes Trainingsprogramm für die tiefe Halsmuskulatur. Diese Muskeln sind für die Stabilität und feine Steuerung des Kopfes zuständig – und spielen eine wichtige Rolle bei der Entlastung des Kiefergelenks.

Das Programm dauerte insgesamt acht Wochen und war in zwei Phasen unterteilt.

Phase 1: Sanft starten – Muskeln aktivieren und kontrollieren (Woche 1–6)

In den ersten sechs Wochen lag der Fokus auf der Aktivierung der sogenannten tiefen Nackenmuskeln – das sind kleine, aber wichtige Muskeln, die direkt an der Wirbelsäule liegen und oft bei Schmerzen abgeschaltet oder geschwächt sind.


🛏️ Die Hauptübung:

  • In Rückenlage, ganz entspannt, mit einem speziellen Luftkissen unter dem Hinterkopf

  • Die Patientin macht eine leichte Nickbewegung („als würde man ganz langsam ‚Ja‘ sagen“), ohne den Kopf vom Boden zu heben

  • Dabei soll ein gewisser Druck auf das Kissen aufgebaut und für 10 Sekunden gehalten werden

  • Ziel: Kontrollierte, schmerzfreie Bewegung ohne Anspannung der großen Nackenmuskeln

Je nach Fortschritt wurde die Übung schrittweise gesteigert, z. B. durch Erhöhung des Drucks oder mehr Wiederholungen.


🤸‍♀️ Weitere Übungen:

  • In Bauchlage wird der Kopf leicht angehoben und anschließend wird wie oben eine leichte Nickbewegung des Kopfes durchgeführt – ebenfalls langsam, bewusst und ohne Schmerzen.

  • Wichtig: Qualität vor Quantität! Die Bewegungen sollten ruhig, präzise und ohne Muskelzittern ausgeführt werden.

Ziel dieser Phase war es, die tiefe Muskulatur wieder „aufzuwecken“, zu koordinieren und zu stärken – ohne Überforderung oder Schmerzen.

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Hier wird die Hauptübung mit einem Biofeedback-Gerät erklärt. Dies ist hilfreich – aber nicht notwendig. Ein kleines, zusammengerolltes Gästehandtuch erfüllt denselben Zweck. Wer dennoch mit einem Druck-Biofeedback arbeiten möchte – CoreCoach Rumpfkraft- und Stabilitätstrainer 

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Hier sehen Sie die zweite Übung, die in Bauchlage durchgeführt wird!

Phase 2: Mehr Kraft – Der Kopf als Trainingsgewicht (Woche 7–8)

In den letzten zwei Wochen wurde das Programm etwas anspruchsvoller. Jetzt ging es darum, die größeren Halsmuskeln mit ins Boot zu holen und etwas mehr Kraft aufzubauen – immer noch sanft, aber mit mehr Aktivität.


🧠 Zwei Hauptübungen:

  1. Kopf anheben in Rückenlage:

    • Erst ein kleines „Ja“-Nicken, dann den Kopf leicht vom Boden abheben

    • Ziel: Kräftigung der vorderen Nackenmuskeln

  2. Streckung im Vierfüßlerstand:

    • In Tischposition den Kopf gezielt nach hinten strecken und wieder in die Ausgangsposition zurück

    • Ziel: Stabilisation der Rückenmuskulatur im Nackenbereich

Die Übungen wurden täglich zu Hause durchgeführt, jeweils etwa 15–20 Minuten – und immer ohne Schmerzen oder Verspannungen.

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Kopf anheben in Rückenlage veranschaulicht. Man beachte bitte, dass die Anzahl der Sätze, Wiederholungen und Haltedauer in der Studie von diesem Video abweichen. Der korrekte Studienübungsumfang findet sich unten.

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Hier kann man die Streckung im Vierfüßlerstand sehen

Übungsumfang: Sätze, Wiederholungen & Dauer

Die Übungen wurden individuell angepasst – stets schmerzfrei und kontrolliert. Dabei galten folgende Richtwerte:


Phase 1 (Woche 1–6): Aktivierung der tiefen Nackenmuskulatur

  • Craniocervicale Flexion (mit Luftkissen oder Handtuch)
    🌀 10 Wiederholungen à 10 Sekunden Halten
    ⏱️ 1–3 Sätze, je nach Belastbarkeit
    🔁 10 Sekunden Pause zwischen den Wiederholungen
    📈 Progression durch Erhöhung des Drucks von 20 mmHg bis max. 30 mmHg

  • Kontrollierte Bewegungen in Bauchlage (Flexion, Extension, Rotation)
    ✅ Beginn mit 1 Satz à 10 Wiederholungen (jeweils 3 Sekunden)
    🔁 Steigerung auf bis zu 3 Sätze à 15 Wiederholungen
    ⏱️ 2 Minuten Pause zwischen den Sätzen


Phase 2 (Woche 7–8): Kräftigung mit Eigengewicht

  • Kopf anheben in Rückenlage
    🧠 Kombination aus leichtem Nicken + Anheben des Kopfes
    💪 1–3 Sätze à 10–15 Wiederholungen, jeweils 3 Sekunden Haltezeit

  • Streckung im Vierfüßlerstand
    📐 Bewegung in neutraler Position – langsam nach hinten strecken
    🔁 Ebenfalls bis zu 3 Sätze à 15 Wiederholungen mit Pausen dazwischen


🕒 Trainingsdauer pro Tag: 15–20 Minuten
📅 Frequenz: Täglich zu Hause, plus 1x wöchentlich begleitete Betreuung

Betreuung & Kontrolle

Einmal pro Woche kamen die Teilnehmerinnen zur Einzelbetreuung. Dort wurden:

  • Die Übungen überprüft und ggf. angepasst

  • Fortschritte dokumentiert

  • Fragen und Unsicherheiten besprochen

Durch die Kombination aus professioneller Begleitung und täglichem Heimtraining entstand ein einfaches, aber effektives Gesamtkonzept.

Was bringt das Nackentraining wirklich? Die Ergebnisse im Überblick

Nach acht Wochen und weiteren drei Monaten Nachbeobachtung war klar: Das gezielte Nackentraining zeigte deutlich bessere Ergebnisse als die manuelle Therapie oder die Placebobehandlung – vor allem bei Schmerzen, Funktion und Lebensqualität.

Schmerzreduktion: Deutlich weniger Kieferschmerzen

Alle Gruppen berichteten im Verlauf von einer Abnahme der Schmerzen – das allein zeigt, wie viel Einfluss schon regelmäßige Betreuung und Aufmerksamkeit haben können. Doch der größte Rückgang zeigte sich in der Nackentrainingsgruppe (NTG):

  • Vorher: Durchschnittlicher Schmerzwert (VAS): 7,1 von 10

  • Nach 8 Wochen Training: Nur noch 1,8

  • Nach 3 Monaten: Stabil bei 1,4

👉 Im Vergleich zur Placebo-Gruppe war der Unterschied statistisch signifikant und klinisch relevant – mit einer Effektstärke von über 0.7, was als „großer Effekt“ gilt.

Bessere Kieferfunktion

Nur in der NTG-Gruppe verbesserte sich die Fähigkeit, den Kiefer zu bewegen, zu kauen und zu nutzen – also genau das, was im Alltag zählt.

  • Die Funktion wurde mit einem standardisierten Fragebogen erfasst (MFIQ).

  • Ergebnis: Deutliche Verbesserung bei der NTG – insbesondere 1 und 3 Monate nach dem Training.

  • Unterschied zur Placebo-Gruppe und zur manuellen Therapie war messbar groß.

💡 Besonders spannend: Der Effekt wuchs über die Zeit – ein Hinweis auf nachhaltige Verbesserungen durch gezieltes Training.

Lebensqualität: Alltagsgewinn durch weniger Schmerzen

Ein weiterer großer Unterschied zeigte sich in der sogenannten OHRQoL – der „Oral Health Related Quality of Life“. Dieser Wert beschreibt, wie stark das Leben durch Probleme im Mund- und Kieferbereich eingeschränkt ist – z. B. beim Sprechen, Essen, Lachen oder in sozialen Situationen.

  • In der NTG sank der Wert um fast 15 Punkte – ein starker Gewinn an Lebensqualität.

  • Die Teilnehmerinnen berichteten von mehr Leichtigkeit, weniger Belastung und weniger Frust im Alltag.

  • Auch hier: NTG klar besser als MTG oder PG – besonders nachhaltig über 3 Monate hinweg.

Beweglichkeit des Kiefers (ROM): Kein großer Unterschied

Bei der Kieferbeweglichkeit (z. B. wie weit man den Mund schmerzfrei öffnen kann) gab es keine eindeutigen Verbesserungen zwischen den Gruppen.

  • Leichte Fortschritte in bestimmten Bewegungsrichtungen (z. B. Vor- und Seitwärtsbewegung) zeigten sich in der NTG, aber nicht signifikant genug, um von einem klaren Effekt zu sprechen.

  • Das bestätigt: Schmerz und Funktion können sich verbessern, auch wenn die Bewegung selbst gleich bleibt.

Zusammengefasst:

BereichNTG (Nackentraining)MTG (Manuelle Therapie)PG (Placebo)
Schmerzen⭐️⭐️⭐️ Deutlich reduziert⭐️⭐️ reduziert⭐️ leicht reduziert
Kieferfunktion⭐️⭐️⭐️ klar verbessert⭐️ leicht verbessert🚫 keine Veränderung
Lebensqualität⭐️⭐️⭐️ stark verbessert⭐️ leicht verbessert⭐️ minimal verbessert
Beweglichkeit⭐️ teilweise besser⭐️ teilweise besser⭐️ teilweise besser

🧠 Interpretation: Das gezielte Nackentraining war die effektivste Methode – besonders, wenn es um die Kombination aus Schmerzreduktion, Alltagsfunktion und Lebensqualität geht.

Zusammengefasst:

🧘‍♀️ NTG – Nackentraining

  • Schmerzen: ⭐️⭐️⭐️ Deutlich reduziert

  • Kieferfunktion: ⭐️⭐️⭐️ Klar verbessert

  • Lebensqualität: ⭐️⭐️⭐️ Stark verbessert

  • Beweglichkeit: ⭐️ Teilweise besser



🤲 MTG – Manuelle Therapie

  • Schmerzen: ⭐️⭐️ Reduziert

  • Kieferfunktion: ⭐️ Leicht verbessert

  • Lebensqualität: ⭐️ Leicht verbessert

  • Beweglichkeit: ⭐️ Teilweise besser



🌀 PG – Placebo-Gruppe

  • Schmerzen: ⭐️ Leicht reduziert

  • Kieferfunktion: 🚫 Keine Veränderung

  • Lebensqualität: ⭐️ Minimal verbessert

  • Beweglichkeit: ⭐️ Teilweise besser



🧠 Fazit:

Das gezielte Nackentraining war die effektivste Methode – besonders, wenn es um die Kombination aus Schmerzlinderung, verbesserter Funktion und Lebensqualität geht.

Warum wirkt Nackentraining bei Kieferproblemen?

Auf den ersten Blick mag es überraschend wirken, dass gezielte Übungen für den Nackenbereich ausreichen, um chronische Kieferbeschwerden zu lindern. Doch die physiologischen Hintergründe machen deutlich: Es gibt starke Wechselwirkungen zwischen Nacken, Kopf und Kiefer – sowohl strukturell als auch neurologisch.

Neurologische Verbindungen – das trigeminocervikale System

Die Nervenbahnen der oberen Halswirbelsäule (C1–C3) sind eng verknüpft mit dem Trigeminusnerv, der unter anderem das Kiefergelenk und das Gesicht versorgt. Diese Verbindung läuft über den sogenannten Trigeminocervikalen Nukleus im Hirnstamm.

➡️ Das bedeutet:
Schmerzen oder muskuläre Dysbalancen im Nackenbereich können über diese Bahnen auch als Kieferschmerz wahrgenommen werden – ein Phänomen, das in der Schmerzforschung als „übertragener Schmerz“ bekannt ist.

Muskuläre Dysbalancen – wenn der Nacken nicht hält, leidet der Kiefer

Die Studie belegt, dass Frauen mit CMD oft eine reduzierte Kraft und Ausdauer der tiefen Nackenmuskeln aufweisen. Besonders betroffen:

  • Longus colli

  • Longus capitis

Diese tiefen Haltemuskeln sind entscheidend für die Stabilität und Ausrichtung des Kopfes auf der Wirbelsäule. Wenn sie nicht richtig arbeiten, kommt es zu kompensatorischen Spannungen in anderen Bereichen – unter anderem auch im Kiefergelenk und den Kaumuskeln.

Fehlende Stabilität – mehr Belastung im Kieferbereich

Eine instabile oder schlecht kontrollierte Halswirbelsäule kann zu einer Überlastung des craniomandibulären Systems führen – also der gesamten funktionellen Einheit aus Kopf, Nacken, Kiefer und Kaumuskulatur.

Das Resultat:

  • Chronische Muskelverspannungen

  • Fehlfunktionen beim Kauen und Sprechen

  • Erhöhte Schmerzempfindlichkeit durch ständige Reizung

➡️ Das Nackentraining zielt genau auf diese Schwachstellen ab: Stabilität verbessern, neuromuskuläre Kontrolle aufbauen, Bewegungsqualität steigern.

Schmerzmodulation durch Bewegung

Neben den strukturellen Effekten wirkt gezieltes Training auch auf einer zentralnervösen Ebene:

  • Durch die Aktivierung des Bewegungssystems werden im Gehirn Prozesse in Gang gesetzt, die Schmerzen hemmen können – sogenannte absteigende inhibitorische Bahnen.

  • Diese sind beim Tragen chronischer Schmerzen oft geschwächt – Training kann hier eine Reaktivierung fördern.

  • Ergebnis: Weniger Schmerzen – nicht nur lokal, sondern systemisch.

💡 Zusammengefasst:
Gezieltes Nackentraining wirkt bei CMD, weil es…

  • neurologische Schmerzverbindungen beeinflusst

  • muskuläre Defizite ausgleicht

  • Stabilität im Kopf-Hals-System wiederherstellt

  • und damit Überlastung im Kiefer lindert

Nackentraining, manuelle Therapie oder Placebo – Wer profitiert am meisten?

Die Studie hat nicht nur gezeigt, dass gezieltes Nackentraining wirkt – sie hat auch verdeutlicht, wie deutlich es anderen Behandlungsformen überlegen ist. Drei Gruppen wurden über acht Wochen begleitet und zusätzlich ein und drei Monate nach Abschluss erneut untersucht. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Nackentraining (NTG): Aktiv, gezielt, nachhaltig

Diese Gruppe zeigte die stärksten Verbesserungen in allen Bereichen:

  • Weniger Schmerzen – schon nach acht Wochen waren die Beschwerden deutlich reduziert, der Effekt blieb auch drei Monate später bestehen.

  • Bessere Kieferfunktion – Alltagssituationen wie Kauen, Gähnen oder Sprechen fielen den Teilnehmerinnen spürbar leichter.

  • Höhere Lebensqualität – der Einfluss der Schmerzen auf das Wohlbefinden nahm deutlich ab.

  • Besonders effektiv war die Kombination aus wöchentlicher Betreuung und täglichem, einfachem Heimtraining.

Manuelle Therapie (MTG): Passiv, begrenzt wirksam

Auch hier kam es zu Verbesserungen – allerdings in geringerem Umfang:

  • Die Schmerzen nahmen etwas ab, allerdings weniger stark und weniger dauerhaft als beim Training.

  • Die Funktion des Kiefers verbesserte sich nur leicht, und meist nur kurzfristig.

  • Die Lebensqualität stieg leicht an, erreichte aber nicht das Niveau der Trainingsgruppe.

  • Es kamen Techniken wie Mobilisation, Dehnung und Faszienbehandlung zum Einsatz – jedoch ohne aktives Mitwirken der Patientinnen. Das schränkte den Langzeiteffekt spürbar ein.

Placebo-Gruppe (PG): Überraschende Effekte, aber keine Veränderung im Alltag

Auch eine Scheinbehandlung – ein ausgeschaltetes Ultraschallgerät – hatte gewisse Auswirkungen:

  • Einige Teilnehmerinnen berichteten von leichter Schmerzreduktion – wahrscheinlich durch die Zuwendung und regelmäßige Termine.

  • Kieferfunktion und Lebensqualität blieben jedoch unverändert.

  • Der Placeboeffekt zeigt: Erwartung allein kann kurzfristig helfen – aber keine langfristige Verbesserung bringen.

Der entscheidende Unterschied: Aktiv sein zahlt sich aus

Was die Ergebnisse klar zeigen:
Patient:innen, die aktiv mitarbeiten, profitieren langfristig am meisten.

Beim Nackentraining übernimmst du Verantwortung für deinen Körper, entwickelst neues Körpergefühl und lernst, dich selbst wirksam zu unterstützen. Die Übungen sind einfach, alltagstauglich und benötigen nur wenig Zeit – aber sie haben große Wirkung.

Manuelle Therapie kann ein guter Einstieg oder ergänzender Baustein sein – doch ohne eigenes Training bleibt der Effekt oft begrenzt. Und allein auf passives Behandeltwerden zu setzen, reicht langfristig nicht aus.

Fazit:

Nur das gezielte Nackentraining brachte in der Studie messbare und nachhaltige Verbesserungen in allen relevanten Bereichen: Schmerz, Funktion und Lebensqualität.
Wer aktiv wird, gibt seinem Körper nicht nur neue Kraft – sondern auch die Chance auf echte Veränderung.

Kleiner Wermutstropfen: Kombinierte Ansätze wurden nicht getestet

So überzeugend die Ergebnisse des Nackentrainings auch sind – ein Punkt bleibt offen:
Die Studie hat nicht untersucht, ob eine Kombination aus Nackentraining und manueller Therapie möglicherweise noch bessere Ergebnisse erzielt hätte. Es wurde stets nur eine Methode isoliert angewendet.

Gerade in der physiotherapeutischen Praxis könnte eine individuell angepasste Mischung aus aktiven Übungen und gezielter manueller Unterstützung für manche Patient:innen besonders sinnvoll sein. Hier wäre weitere Forschung wünschenswert, um die optimale Kombinationstherapie für CMD-Betroffene zu finden.

Aktiv statt passiv: Warum Bewegung bei CMD den Unterschied macht

Ein entscheidender Punkt, den die Studie deutlich gemacht hat: Aktiv sein hilft mehr als sich nur behandeln zu lassen. Denn während manuelle Techniken oft kurzfristig angenehm sind, zeigte das gezielte Nackentraining langfristig die besten Ergebnisse – bei Schmerzen, Funktion und Lebensqualität.

Doch woran liegt das?

Du nimmst deine Gesundheit selbst in die Hand

Beim Nackentraining bist du selbst aktiv beteiligt. Du lernst, bestimmte Muskeln bewusst anzusteuern, Bewegungen zu kontrollieren und deine Haltung zu verbessern. Das macht dich nicht nur unabhängiger von Behandlungen, sondern stärkt auch dein Vertrauen in den eigenen Körper.

Patient:innen, die regelmäßig trainierten, berichteten in der Studie nicht nur über weniger Schmerzen – sie fühlten sich auch sicherer, stabiler und leistungsfähiger im Alltag.

Dein Körper lernt, sich selbst zu regulieren

Bewegung ist nicht nur gut für die Muskulatur – sie beeinflusst auch das Nervensystem. Durch gezielte Aktivierung bestimmter Muskelgruppen (wie der tiefen Nackenmuskulatur) werden im Gehirn Schmerz hemmende Prozesse angestoßen. Das hilft dabei, die Schmerzwahrnehmung langfristig zu verändern – etwas, das passive Behandlungen allein nicht leisten können.

Kleine Investition, große Wirkung

Und das Beste: Der Aufwand ist überschaubar. In der Studie reichten schon 15 bis 20 Minuten Training pro Tag, kombiniert mit einer wöchentlichen Betreuung durch eine Therapeutin. Viele Übungen lassen sich ganz leicht zu Hause umsetzen – ohne Geräte, ohne Fitnessstudio, einfach im eigenen Tempo.

Die manuelle Therapie dagegen fand nur 1x pro Woche statt – ohne aktives Mitwirken der Patientinnen. Auch wenn diese Behandlung kurzfristig Erleichterung brachte, fehlte der Trainingseffekt, um langfristig stabile Ergebnisse zu erzielen.

Fazit für dich als Betroffener:

Wenn du langfristig etwas gegen deine Kieferbeschwerden tun willst, lohnt sich ein Schritt in die aktive Richtung. Gezieltes Nackentraining macht dich nicht abhängig – sondern handlungsfähig.

Fazit: Bewegung verändert mehr als nur Muskeln

Chronische Kieferschmerzen können zermürbend sein – körperlich, emotional und sozial. Viele Betroffene haben bereits eine Odyssee aus Behandlungen hinter sich: Aufbissschienen, Massagen, Medikamente – oft mit nur mäßigem Erfolg. Diese Studie hat jedoch gezeigt: Manchmal liegt die Lösung nicht im Kiefer, sondern im Nacken.

Das gezielte Training der tiefen Nackenmuskulatur brachte nicht nur deutlich weniger Schmerzen, sondern auch spürbare Verbesserungen im Alltag: leichteres Kauen, entspannteres Sprechen, mehr Lebensqualität. Und das mit einem überschaubaren Aufwand – ganz ohne teure Geräte oder ständiges „Behandeltwerden“.

Statt passiv auf Hilfe zu warten, kannst du mit gezielten Übungen aktiv etwas für dich tun. Das Training stärkt nicht nur deine Muskeln, sondern auch deine Selbstwirksamkeit – das Gefühl, wieder die Kontrolle zu haben.


👉 Wenn du unter CMD leidest, dann merke dir:

  • Dein Nacken spielt eine wichtigere Rolle, als du vielleicht denkst

  • Aktivität schlägt Passivität – auf allen Ebenen

  • Kleine Schritte, regelmäßig ausgeführt, können große Veränderungen bringen


🌟 Bewegung ist kein Wundermittel. Aber sie wirkt. Und manchmal beginnt Heilung genau da, wo du dich wieder selbst in Bewegung setzt.

Du möchtest selbst aktiv gegen deine Kieferschmerzen vorgehen?

Dann begleite ich dich gern auf diesem Weg.

In meiner Praxis bieten wir dir:

✅ Individuell angeleitetes Nackentraining
✅ Wissenschaftlich fundierte CMD-Therapie
✅ Persönliche Betreuung & alltagstaugliche Übungen
✅ Zeit für deine Fragen – und für echte Fortschritte

📍 Vereinbare jetzt deinen ersten Termin
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Weiterführende Informationen

Wer tiefer in die wissenschaftlichen Hintergründe einsteigen möchte, findet die vollständige Originalstudie hier:

👉 Zur Studie: Journal of Oral & Facial Pain and Headache (2024)

Dort sind alle Details zur Methodik, den Übungsinhalten und den statistischen Ergebnissen nachzulesen – ideal für alle, die sich fachlich weiter informieren möchten.

Glossar – Die 6 wichtigsten Begriffe aus dem Artikel

1. CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion)

Ein Sammelbegriff für funktionelle Störungen im Kieferbereich. Typische Symptome sind Schmerzen beim Kauen, Kieferknacken, eingeschränkte Mundöffnung, Spannungen im Gesicht und häufig auch Kopfschmerzen oder Nackenbeschwerden.


2. NTG (Neck Training Group)

Bezeichnung der Studiengruppe, die über acht Wochen gezieltes Nackentraining absolvierte. Diese Gruppe zeigte die besten Ergebnisse in Bezug auf Schmerzreduktion, Kieferfunktion und Lebensqualität.


3. Trigeminocervikales System

Ein Nervennetzwerk im Hirnstamm, das Informationen aus dem Gesichts- (Trigeminus) und oberen Nackenbereich zusammenführt. Es erklärt, warum Schmerzen im Nacken auch im Kiefer spürbar sein können – und umgekehrt.


4. Craniocervicale Flexion

Eine gezielte, sanfte Bewegungsübung zur Aktivierung der tiefen Nackenmuskulatur. Dabei wird in Rückenlage eine kleine Nickbewegung ausgeführt, ohne den Kopf vom Boden zu heben – zentraler Bestandteil des Nackentrainings.


5. OHRQoL (Oral Health Related Quality of Life)

Ein wissenschaftlicher Messwert, der beschreibt, wie stark Beschwerden im Mund- und Kieferbereich das tägliche Leben beeinflussen – etwa beim Essen, Sprechen oder sozialen Kontakten.


6. Manuelle Therapie

Eine physiotherapeutische Technik, bei der durch spezielle Handgriffe Muskeln gelöst und Gelenke mobilisiert werden. Sie kann bei CMD helfen, zeigte in der Studie jedoch weniger nachhaltige Wirkung als aktives Training.

FAQ – Weitere wichtige Fragen zur manuellen Therapie für Faszien

Kann man das Nackentraining auch alleine zu Hause durchführen?

Grundsätzlich ja – viele der Übungen sind einfach und benötigen keine Geräte. Zu Beginn ist es jedoch sinnvoll, sich die richtige Technik von einem Physiotherapeuten zeigen zu lassen, um Fehler zu vermeiden und die gewünschten Muskeln gezielt zu aktivieren.In vielen Fällen übernimmt Ihre gesetzliche Krankenkasse die Kosten, wenn Ihr Arzt Ihnen eine Heilmittelverordnung für manuelle Therapie ausgestellt hat. Informieren Sie sich im Zweifel vorab direkt bei Ihrer Krankenkasse über mögliche Zuzahlungen.

In der Studie zeigten sich bereits nach wenigen Wochen spürbare Veränderungen. Der deutlichste Effekt trat nach etwa 8 Wochen regelmäßigem Training auf – und blieb auch Monate später noch stabil.

In diesem Fall sollte das Training sofort unterbrochen werden. Schwindel kann ein Hinweis auf eine falsche Ausführung oder andere körperliche Ursachen sein. Es ist wichtig, sich ärztlich oder physiotherapeutisch beraten zu lassen.

Das kommt auf die individuelle Situation an. In der Studie war das Nackentraining alleine sehr wirkungsvoll. In manchen Fällen kann eine zusätzliche manuelle Behandlung hilfreich sein – eine fachliche Einschätzung ist hier empfehlenswert.

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